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Abgegeben... Vergessen...

Dienstag, 08.12.2009 | von Horst Behrendt


„Heute können wir uns alle freuen, denn es ist bald Weihnachten und alle Kinder des Kinderhospiz dürfen sich etwas wünschen“.

Ihr müsst wissen, ich wohne seit dem Sommer hier und Frau Fröhlich betreut mich. Ich bin die Monika und 7 Jahre alt. Meine Mama und Papa haben mich hier abgegeben. Frau Fröhlich sagt, ich kann nicht bei ihnen bleiben, weil sie ja arbeiten müssen. Das macht mich sehr traurig, denn ich will Mama und Papa keine Schwierigkeiten machen. Von Petra, dass ist meine Freundin, kommt die Mama jeden Tag und hilft ihr. Sie ist sehr lieb zu ihr. Wenn sie vom Bett in den Rollstuhl gehoben wird, dann nimmt ihre Mama sie ganz vorsichtig auf den Arm, setzt sie hinein und stellt auch das Beatmungsgerät richtig ein. Dann ist Petra fröhlich und freut sich mit ihrer Mama. Sie lachen viel, singen und erzählen vom Papa und der ganzen Familie. Manchmal schauen sie sich auch Bilder an – von der Einschulung und so. Ich konnte nicht in die Schule, weil ich schon so krank war. So eine große Schultüte und eine liebe Lehrerin, das hätte ich auch gerne gehabt. - Ich habe keine Bilder!

Frau Fröhlich ist zu mir sehr lieb. Mama und Papa habe ich seit den Sommerferien nicht mehr gesehen, deshalb bringt mich auch Frau Fröhlich abends ins Bett. Sie erzählt mir vom lieben Gott und den Engeln und das ich auch bald ein Engel bin. Sie schiebt den Vorhang vom Fenster zur Seite damit ich die Engel sehen kann, wenn sie kommen. Manchmal warte ich die ganze Nacht, dass sie kommen und mich holen. Mir tut der Rücken weh, ich bekomme keine Luft und Frau Fröhlich sagt, dass im Himmel alles schöner ist. Wenn ich dann keine Luftnot mehr habe, richtig essen und wieder laufen könnte, das wäre schön. Vielleicht gibt es dort auch eine Schule – darüber würde ich mich am meisten freuen. Dann treffe ich bestimmt Michael, der ist letzte Woche gestorben und jetzt ein Engel. Vielleicht schaut er vom Himmel herunter und wartet auf mich. Ihr müsst wissen, er ist mein Freund.

Morgens bin ich dann wieder froh, dass Frau Fröhlich kommt, mich aufhebt, wäscht und das Beatmungsgerät reinigt und richtig einstellt. Alleine kann ich das nicht, weil ich meine Arme nicht mehr bewegen kann. Es tut auch sehr weh, wenn ich versuche mich zu drehen. Das Schlucken wird letzte Zeit auch immer schwerer, und wenn Frau Fröhlich mich nicht füttern würde, könnte ich nicht essen. Pommes würde ich gerne einmal probieren, sie riechen so gut – aber ich kann sie nicht schlucken.

Heute kommt Peter, der fährt die Kinder mit dem „Rolli-Bus“. Manchmal in den Zoo und so.
Peter sieht aus wie „Balu der Bär“. Groß und dick – aber lieb. Der Peter ist immer fröhlich. Er hat große Hände und ist stark. Er kann aber ganz lieb streicheln und das ist schön. Gestern hat er mir auch vom lieben Gott erzählt – und, dass er Kinder ganz besonders lieb hat. Ich wünsche mir, dass mich meine Mama und Papa lieb haben. Ich warte immer - aber sie kommen nicht. Wenn sie kämen, dann würde ich nicht weinen, den Rollstuhl würde ich selber fahren und das Beatmungsgerät würde ich alleine anstellen. Ich will nicht, das sie sich anstrengen müssen, und ich würde alles tun, damit sie mich lieb haben.

Peter hat es besser. Er muss eine große Familie haben, denn er hat erzählt, dass er ganz viele Brüder und Schwestern hat, die an alle Kinder denken, für sie beten und dem lieben Gott alles erzählen. Und eine eigene Kirche haben die für die vielen Brüder und Schwestern. Das muss schön sein, die ganze große Familie in einer Kirche, der liebe und Gott und viele Engel. Peter sagt, es gibt auch Engel hier auf der Erde. Die helfen besonders kranken Kindern. Ich glaube, Peter ist ein Engel und Frau Fröhlich auch.
Peters Papa ist jetzt schon im Himmel; er ist vor kurzem gestorben. Wenn ich ein Engel bin, dann werde ich ihn vom Peter grüßen und ihm alles von seinem Sohn erzählen. Der wird bestimmt überrascht sein und darauf freue ich mich.

Ich wünsche mir zu Weihnachten noch einmal meine Mama und meinen Papa zu sehen. Peter will mir helfen und mich mit seinem „Rolli-Bus“ hinfahren. Peter sagt, er glaubt nicht, dass sie mich nicht lieb haben und der liebe Gott wird schon ihre Herzen weich machen. Ich habe ein bisschen Angst – aber der liebe Gott geht mit uns, so sagt Peter – und er will dafür beten. Ich bete auch, dass Mama und Papa mich lieb haben – wie Petras Eltern. Das wäre mein größter Wunsch zu Weihnachten. Andere Sachen brauche ich ja nicht mehr. Schon bald werde ich ein Engel sein – und im Himmel gibt es alles.
 

Monika wurde von ihren Eltern ins Wuppertaler Kinderhospiz zum Sterben abgeschoben. Weihnachten 2009 wird sie wohl nicht mehr erleben. Von ihren Eltern vergessen, hat sie Zugang über ihren Peter zu Liebe, Verständnis und Geborgenheit gefunden. Es gibt sie noch, die Engel auf Erden. Jeder kann ein Engel sein. Ergreifen wir jede Gelegenheit und verharren nicht im Bedauern der verpassten Gelegenheiten.

Die Frage bleibt: Wie Kalt und herzlos muss man sein, um solch eine Geschichte um Monika entstehen zu lassen?

Monika starb einen Tag später, nachdem diese Geschichte niedergeschrieben wurde, in den Armen von Peter. Ihre Eltern hatten sie Stunden vorher abgewiesen. Ihre letzten Worte waren: „Danke – Peter!“

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